1000_Anlage-2_Richtfest_Marlene_Poelzig_Quer

Richtfest der Villa 1930, Marlene Poelzig (links) Hans Poelzig (3 v. rechts). 1984 wurde ein Ausschnitt dieser Aufnahme publiziert – abgeschnitten war Marlene Poelzig.

Kennen Sie Marlene? 

Auf dem Pressefoto zum Richtfest ihrer eigenen Baustelle wurde sie weggeschnitten - um ihrem berühmten Mann Hans Poelzig mehr Platz einzuräumen. Ihr höchst bemerkenswertes und in ihrer Zeit viel besprochenes Atelierwohnhaus wurde in der Nachkriegszeit „verheimelt“, und seit einem Jahr wird das Haus absichtlich dem Verfall preisgegeben, um dort Eigentumswohnungen zu errichten.

Marlene Poelzig war eine vielseitig begabte Künstlerin mit einem breit gefächerten Tätigkeitsfeld. Architektur, Bildhauerei oder Bühnenbild beherrschte sie meisterhaft und setzte sie auch um. 

Zu oft erinnern wir uns „an die Frauen großer Männer!“ Dabei ist Marlene Poelzig genau wie Lise Meitner, Fanny Hensel oder Clara Schumann eine eigenständige Meisterin ihres Fachs gewesen.

Poelzig Hans  (1869-1936): Werkbund-Ausstellung, Stuttgart-Weiflenhof. Einfamilienhaus Typ C 7
Poelzig Hans  (1869-1936): Werkbund-Ausstellung, Stuttgart-Weiflenhof. Einfamilienhaus Typ C 7
Poelzig Hans  (1869-1936): Werkbund-Ausstellung, Stuttgart-Weiflenhof. Einfamilienhaus Typ C 7
Poelzig Hans  (1869-1936): Werkbund-Ausstellung, Stuttgart-Weiflenhof. Einfamilienhaus Typ C 7
Poelzig Hans  (1869-1936): Werkbund-Ausstellung, Stuttgart-Weiflenhof. Einfamilienhaus Typ C 7
Poelzig Hans  (1869-1936): Werkbund-Ausstellung, Stuttgart-Weiflenhof. Einfamilienhaus Typ C 7
Poelzig Hans  (1869-1936): Werkbund-Ausstellung, Stuttgart-Weiflenhof. Einfamilienhaus Typ C 7

Foto des Hauses von der Gartenseite, 1930  - Bauwelt Heft 34 

Marlene Poelzig (auch Moeschke-Poelzig, 1894-1985) gründete 1920/21 gemeinsam mit ihrem Mann das Bauatelier Poelzig, das sie nach dem Tod Hans Poelzigs 1936 noch einige Zeit alleine fortführte. Anders als vielen anderen Frauen ihrer Zeit war es Marlene Poelzig möglich, zu bauen. Sie war u.a. am Haus des Rundfunks (1929-31) und an einem Einfamilienhaus für die Stuttgarter Weißenhofsiedlung (1927) beteiligt. Zwar ist auch ihr Beitrag zu weiteren Großprojekten wie den Theaterbauten für Max Reinhardt und Stummfilmen unter der Regie von Paul Wegener unumstritten, doch wurde sie – anders als ihr weltberühmter Mann – nicht angemessen in der Geschichtsschreibung berücksichtigt. Das außergewöhnliche Berliner Atelierwohnhaus ist das einzige Bauwerk, für das Marlene Poelzig allein verantwortlich zeichnete. Gleichberechtigt zu den Atelierräumen der Hausherren plante sie einen abgeschlossenen Bereich für die drei Kinder mit Spielzimmer und Plansche im davor gelagerten Außenbereich, einer singulären Lösung in Berlin. Den Garten des Hauses gestaltete 1931 maßgeblich die Gartenarchitektin Hertha Hammerbacher.

Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskun
Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskun
Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskun

Lageplan, Grundriss OG und Schnitt, 1930 - Bauwelt Heft 34

Das Gebäude ist gut dokumentiert, es wurde zeitgenössisch viel publiziert.

Der Denkmalwert von Villa und Garten wird unterschiedlich interpretiert. Das Landesdenkmalamt Berlin entschied 1990 gegen einen Denkmalschutz für das Haus, weil es zu stark umgestaltet worden sei. Hingegen wurde im April 2020 eine Petition[1]  gestartet, um das Haus vor dem drohenden Abriss zu retten und aufgrund seiner kulturhistorischen Bedeutung eine Aufnahme in die Berliner Denkmalliste zu erwirken. Die Petition wurde im Dezember 2020 öffentlichkeitswirksam überreicht.

Das Dach wurde 1954 im Sinne einer reaktionären Nachkriegsauffassung („negative Modernerezeption“) radikal verändert: u.a. Umbau von Flach- zu Walmdach (mögliche spannende Denkmaldebatte – Rückbau/Rekonstruktion der 1930er Jahre oder Erhalt des Ist-Zustands?)

Mattern Hermann (1902-1971): Garten Poelzig in Berlin-Charlottenburg (ohne Dat.)
Mattern Hermann (1902-1971): Garten Poelzig in Berlin-Charlottenburg (ohne Dat.)
Mattern Hermann (1902-1971): Garten Poelzig in Berlin-Charlottenburg (ohne Dat.)
Mattern Hermann (1902-1971): Garten Poelzig in Berlin-Charlottenburg (ohne Dat.)
Mattern Hermann (1902-1971): Garten Poelzig in Berlin-Charlottenburg (ohne Dat.)
Mattern Hermann (1902-1971): Garten Poelzig in Berlin-Charlottenburg (ohne Dat.)
Poelzig Hans  (1869-1936): Werkbund-Ausstellung, Stuttgart-Weiflenhof. Einfamilienhaus Typ C 7

Architekturmuseum TU-Berlin, Inneneinrichtung und Möbel von Marlene Poelzig

Das Haus verfügt noch über wertvolle Originalsubstanz, teilweise erhalten sind u.a. der Grundriss, die Ausstattung (einige Fenster, Travertin-Böden, Möbel, darunter Schrank und Stühle) sowie der Garten. Das Haus war ein wichtiger Ort der Zusammenkunft - und soll es wieder werden - und hatte bewegte Bewohner*innen und Besucher*innen, darunter Veit Harlan und Joachim Ringelnatz.

Nach Hans Poelzigs Tod verkaufte Marlene Poelzig das Wohnhaus, verließ Berlin und lebte im letzten Abschnitt ihres Lebens wieder in Hamburg. 1936 erwarb der umstrittene Schauspieler und Regisseur Veit Harlan die Immobilie. 

Das Westend ist durchsetzt mit Bauten der Moderne, die als „Topografie der Moderne“ ein gemeinsames Narrativ bilden, darunter von Erich Mendelsohn, Luckhardt/Anker, Egon Eiermann, Eduard Ludwig.

[1] http://chng.it/pw2zrY8Rgn

INITIATIVE

Ausgehend von einer ersten Petition zum Erhalt des Hauses gründete sich die Initiative im Jahr 2020, um einerseits den Ort zu sichern und andererseits die Vorgehensweise abzustimmen sowie  Visionen und Strategien für das Haus zu entwickeln. Bis zur geplanten Gründung eines eigenen Vereins unterstützt das Netzwerk Stadtraumkultur e.V.  die Projektausführung und Koordination. 

Es ist Eile geboten, denn das Haus ist seit 2017 im Besitz eines privaten Eigentümers und soll in Kürze abgerissen werden, um dort Wohnungsneubau zu realisieren. Das Dach ist derzeit ungedeckt und muss dringend notgesichert werden, um die wertvolle Bausubstanz zu schützen.

Die Initiative sucht den Dialog mit dem Eigentümer, um zunächst ein Abrissmoratorium zu erwirken und im Anschluss ein Konzept und ein Finanzierungsmodell zu erarbeiten.

Erste Abstimmungen zu einer möglichen Finanzierung von Ankauf, Instandsetzung und Betrieb haben stattgefunden; so haben verschiedene Stiftungen Interesse an einer Förderallianz signalisiert.

Deswegen demonstrieren wir am 18. Juni 2021 für:
Rettung des Hauses Marlene Poelzig und Bekanntmachung ihres Oeuvres.
Gleichberechtigung in der Erinnerungskultur und bei der Setzung von Denkmälern.
Einrichtung eines Stipendiums für “Meisterinnen der Architektur und Baukunst”.

Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskun

Fotografie vom Garten, 1930 - Bauwelt 34

Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskun

Aufnahme vom hinteren Grundstücksrand, 2021

MOTHER OF ARTS STIPENDIUM

Knapp 100 Jahre nach dem Bau des Hauses Marlene Poelzig hat sich die Situation für Frauen in der Architektur nicht grundlegend verbessert: Diversität in Kunst und Kunsthandwerk ist auch heute noch keine Selbstverständlichkeit. 2006 waren 58 % der Architekturstudierenden Frauen, allerdings findet sich 2017 unter den Top 20 der Architekturbüros in Deutschland kein einziges, welches von einer Frau oder einem Team von Frauen geführt wird. Ebenfalls liegt das Einkommen von Frauen als angestellte Architektinnen in Vollzeit knapp 30 % unter dem ihrer männlichen Kollegen.[1]

Nach der Sicherung des Gebäudes möchte die Initiative langfristig den Geist Marlene Poelzigs weiterführen mit einem in Berlin und Deutschland einmaligen Stipendiatinnen-Programm für „Meisterinnen des Bauwesens“ – Architektinnen und Bauschaffende, die hier arbeiten und wohnen: Einem Haus für alle, die am Bau beteiligt sind, einem Ort der Diskussion und der Entwicklung neuer Ansätze („Bauhütte“). Es ist vorgesehen, dass sich als „Meisterinnen“ Architektinnen, Gestalterinnen, Landschaftsplanenerinnen, Architekturhistorikerinnen, Bauhistorikerinnen, Bauingenieurinnen, Kulturschaffende und Handwerkerinnen bewerben können.

Die 3-4 langfristigen Residenzen sollen regelmäßig ausgeschrieben und gemeinsam kuratiert werden, um ein kreatives Miteinander zu ermöglichen. Das Haus soll regelmäßig für die interessierte Öffentlichkeit geöffnet werden. 

 Dafür gibt es einen einmaligen Ort, das von Marlene Poelzig geschaffene Haus in der Tannenbergallee 28, einem einmaligen Denkmal der Emanzipationsgeschichte in der Architektur und dem einzigen Bauwerk, für das Marlene Poelzig allein verantwortlich zeichnete. 

Als ein Ort kreativen Schaffens und intellektuellen Austauschs soll die Residenz ihren Stipendiatinnen ermöglichen, individuellen und interdisziplinären Projekten in Architektur und Kunst nachzugehen. Dabei soll die anregende Wirkung des alltäglichen Zusammenlebens der Stipendiatinnen unterschiedlicher Fachrichtungen und Kulturen im Zentrum stehen; regelmäßig soll der Ort für die interessierte Öffentlichkeit öffnen.

[1] Kaufmann, Ihsen, Villa Braslavsky: Frauen in der Architektur – Vorstudie zur Entwicklung eines drittmittelfinanzierten Forschungsprojekts über fachkulturell relevante geschlechtergerechte Veränderungen in der Architektur, TU München 2019

KONTAKT

Ansprechpartner
Felix Zohlen
0157-72071324
info@hausmarlenepoelzig.de

Jan Schultheiß
info@hausmarlenepoelzig.de

Presseanfragen
Elisabeth Friedrich & Alexander Flöth, ARTEFAKT Kulturkonzepte
mail@artefakt-berlin.de

Interesse an der Initiative?
Mitmachen: info@hausmarlenepoelzig.de

instagram