Geschichte & Architektur

Über das Haus

GEBÄUDE

Ein Meisterinnenstück. Das Haus Marlene Poelzig (Tannenbergallee 28, 14055 Berlin-Westend)

Das Haus hatte eine außergewöhnliche und bewegte Bau- und Nutzungsgeschichte, die einen eigenen Wert darstellte und bis zuletzt ablesbar war. Statt tabula rasa zu machen, hätte man sich der ‚unbequemen Erbschaft‘ stellen und einen Umgang mit dem Nebeneinander der verschiedenen schönen, belasteten oder gar hässlichen Zeitschichten finden können – mit einem Ansatz, der aus dem Wechselspiel von ursprünglichen Elementen und Transformationen schöpft.

1929/30: Werk Marlene Poelzigs für ihre Familie

Das Haus Marlene Poelzig wurde nach dem Entwurf Marlene Poelzigs errichtet, die zusammen mit ihrem Mann Hans Poelzig auch Bauherrin war. Es diente als Wohn- und Atelierhaus für die gemeinsame Familie mit den drei Kindern und bot der Bildhauerin und Architektin aufgrund ihres speziell auf die Bedürfnisse der Familie zugeschnittenen Raumkonzepts die Möglichkeit, Berufsausübung, künstlerische Betätigung, Familienleben und Kindererziehung in einem ganz neuen Ambiente zu vereinen. Den Garten des Hauses gestaltete 1931 maßgeblich die Gartenarchitektin Hertha Hammerbacher.

Haus Poelzig, 1932, Entwurf und Ausführung  Marlene Poelzig. 
Foto 1:Alfred Krügelstein1, ca. 1930. Quelle: Mattern, Hermann/Hammerbacher, Herta/Foerster, Karl/Poelzig, Marlene: „Neues Bauen und Neues Gartenwesen. Der Garten Poelzig”. In: Die Gartenschönheit. Jg. 12/1931, S. 29. Digitalisat: Prof. Dr. Volker M. Welter
Foto 2&4: Max Krajewsky1, ca. 1930. Quelle: Poelzig, Hans: [ohne Titel, Die Geschichte der Architektur]. In: Innen-Dekoration. Jg. 42/1931, S. 322,317 Digitalisat: Universitätsbibliothek Heidelberg 
Foto 3: Alfred Krügelstein1, ca. 1930. Quelle: Overberg, R.: „Haus Professor Poelzig in Berlin-Westend, Erbaut von Marlene Poelzig“. In: Bauwelt. Jg. 21/1930, H. 34, S. 1066. Digitalisat: Landesbibliothek Oldenburg 
Foto 5: Max Krajewsky1, ca. 1930. Quelle: o.V.: „Haus Poelzig“. In: Die Baugilde. Jg. 12/1930, H. 15, S. 1332. Digitalisat: Universitätsbibliothek Bauhaus-Universität Weimar

 

1930er und 40er Jahre: Leben und Wirken des NS-Regisseurs Veit Harlan

Nach Hans Poelzigs Tod verließ Marlene Poelzig mit ihren Kindern Berlin zeitweilig und verkaufte das Haus 1937 an den Nazi-Regisseur Veit Harlan, der unter anderem bei den Propagandafilmen „Jud Süß“ und „Kolberg“ Regie führte. In dieser Zeit gingen im ehemaligen Haus Marlene Poelzig auch hochrangige Nazis wie Joseph Goebbels ein und aus. Veit Harlan veranlasste einige bauliche Veränderungen, unter anderem den Anbau eines Bildwerferraums an Hans‘ Poelzigs ehemaliges Atelier und die Umnutzung des Wohnzimmers als Arbeitszimmer. Ende 1944 wurde das Gebäude bei Bombenangriffen teilweise zerstört und blieb danach zunächst ungenutzt.

1950er Jahre: Veränderter Wiederaufbau und radikaler Umbau

1954 erwarb die Westfälische Transport AG das ruinöse Gebäude, und ein mehrjähriger Umbau begann nach Plänen des Architekten Willi Schreiber: Er gestaltete einige Bereiche, insbesondere im Obergeschoss, um und setzte ein Walmdach auf. Das Haus wurde 1968 weiterverkauft und blieb dann über Jahrzehnte – bis in die 2010er Jahre – im Besitz einer Familie.

Das Landesdenkmalamt Berlin entschied 1987 gegen einen Denkmalschutz für den Garten und 1990 für das Haus, weil es - vermeintlich - zu stark umgestaltet worden war.

Foto: Erich T. Middendorf, 21.04.1955. Quelle und Digitalisat: Landesarchiv Berlin, F Rep. 290-05-04, Nr. 547. Titel: Theodor Meyer, Privathaus (ehemals Villa Poelzig),

2010er Jahre: Mehrfache Eigentümer*innenwechsel und Verfall 

Ab etwa Mitte der 2010er Jahre wurde das Gebäude mehrfach an Immobilienmakler*innen bzw. Investor*innen weiterverkauft und stand in dieser Zeit jahrelang leer, wurde seines Dachs beraubt und verfiel zunehmend. 2017 stellte der damalige Eigentümer die erste, drei Jahre lang gültige Abrissanzeige. 2020 erhielt er eine erneute, zwei Jahre gültige Abbruchgenehmigung. Aufgrund der neuen Zweckentfremdungsregelungen wurde dafür auch ein Bauantrag für Ersatzwohnraum notwendig; dieser wurde Ende 2019 genehmigt. 

2020 wurde eine Petition gestartet, um das Haus vor dem drohenden Abriss zu retten und die Aufnahme in die Berliner Denkmalliste zu bewirken, und die Initiative Haus Marlene Poelzig gründete sich. Das Landesdenkmalamt Berlin lehnte den Schutzstatus erneut ab. Die Initiative ging unzählige Male auf die damalige Eigentümerin, die Tannenberg GmbH (Geschäftsführender Gesellschafter Aleksandar Obradovic), zu und bat um ein Verhandlungsgespräch, doch darauf ging diese nicht ein. Von einem kurzfristigen Eigentümerwechsel erfuhr die Initiative zu spät und wurde am 1. November vom Beginn des Abrisses überrascht. 

Foto 1-3: Antonia Noll, 2021
Foto 4&5: Felix Zohlen, 2021

2021: Der Abriss

Die neue Eigentümerin ließ das Haus ab November 2021 abreißen, um auf dem Grundstück Wohnungsneubau zu realisieren - trotz der wachsenden und immer lauter werdenden Öffentlichkeit, die einen hohen Wert im Haus sah und seinen Erhalt forderte. Der geplante Neubau, das Projekt „Villa Tannenberg“, später „Villa Seven and Green“, soll knapp 1.200 m² Nutzfläche besitzen (statt zuvor 550 m²), mit sieben Wohneinheiten und Fitness- sowie Spa-Bereich.


Mit einer Protestaktion am 2. November 2021 konnte die Initiative zwar den Abriss ein wenig verzögern, aber nicht mehr verhindern. Doch klar war auch: Wenn es im letzten Jahr einen guten Willen gegeben hätte und der besondere Wert des Hauses gesehen worden wäre, wäre es vermutlich zu retten gewesen; kreative Ideen und konkrete Ansätze gab es zuhauf. Eine Neuaufnahme der Debatte um die Schutzwürdigkeit von Gebäuden als kulturhistorische Substanz und energiereiche Ressource ist in Berlin und darüber hinaus dringend geboten! 

 
Um ein Zeichen gegen den Abriss und für die Anerkennung des Lebenswerks der Architektin zu setzen, lud die Initiative die interessierte Öffentlichkeit am 11. November 2021 zu einem Umzug mit besonderen Laternen ein: in Anlehnung an die beiden außergewöhnlichen Lampen, die Marlene Poelzig für den Lichthof im Haus des Rundfunks gestaltete, hatte die Künstlerin Julia Ziegler Papierlampions entwickelt. 
Auch wenn der Kampf um den Erhalt des Hauses Marlene Poelzig scheiterte, so blieb doch eine Neugier und eine Lust, die Arbeit der Initiative dennoch weiterzuführen.

Presseecho zum Abriss:

+ Berliner Woche, 24.06.21 
+ Berliner Abendblatt, 24.06.21 
+ taz.de, 18.06.21 
+ Berliner Zeitung, 18.06.21  
+ Süddeutsche Zeitung, 18.06.21
+ rbb Kultur, 18.06.21
+ Deutschlandfunk Kultur, 19.06.21  
+ perlentaucher Das Kulturmagazin, 18.06.21
+ Moderne Regional, 12.06.21

Foto 1&2: Antonia Noll, 2021

Gedenktafel_Marlene-Poelzig_Mauer_frontal

Gedenktafel von Hannah Cooke
Foto: Timotheus Theisen, 2021

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© Initiative Haus Marlene Poelzig